Guttenbrunner_Bote_Nr_3_Rezension

 

Artikel aus:  "ALLGEMEINE DEUTSCHE ZEITUNG FÜR RUMÄNIEN"

13. Jahrgang/Nr. 3283 vom 10. Dezember 2005 in der Beilage: Karpaten Rundschau Jahrgang XXXVIII vom 10. Dezember 2005, Seite 2.

 

Eigentlich zu gut, um nicht unter die Leute gebracht zu werden

“Guttenbrunner Bote“ Nr. 3 für eine breite Leserschaft

 Natürlich sind Literaturzeitschriften auch Antho­logien, Blumenlesen, bunte Wiesen, die das Gemüt erhellen, aber auch den Geist zum Nach- und Mit­denken anregen. Der “Guttenbrunner Bote“ hat wieder die Denkwerkstatt verlassen, zum dritten Mal. Aber er scheint noch den Weg in eine breitere Leserschaft zu scheuen. In einer von seinem Herausgeber im Juli dieses Jahres verschickten elektronischen Nach­richt heißt es lapidar: „Mit der PDF-Datei, die ich an Interessierte zumaile, würde ich gerne die Zeit über­brücken, bis die gedruckte Fassung vorliegt wann ich tatsächlich die gedruckte Ausgabe erhalten wer­de, kann ich Ihnen allerdings nicht sagen – ich rechne bei der ‘Zuverlässigkeit‘ in Rumänien mit Dezember. Falls es zu keiner gedruckten Ausgabe in Rumänien kommen sollte, werde ich einige Exemplare für die Bibliotheken und die Autoren notgedrungen im print-on-demand-Verfahren vervielfältigen lassen.“ Ge­nau das scheint jetzt eingetreten zu sein.

Eigentlich schade, denn schon das Aufgebot der in dieser Nummer versammelten Autoren weckt Hoffnungen auf eine spannende Lektüre. Dieter Michelbach ist es mit der redaktionellen Unterstüt­zung von Manuela und Reinhold Thellmann diesmal gelungen, einen Sammelband vorzulegen, der schon beim In-die-Hand-nehmen das Gefühl einer kurzle­bigen, nur dem Augenblick verhafteten Zeitschrif­tenlektüre erst garnicht aufkommen lässt.

In Leinen gebunden, mit schwarzem, schriftlosem Einband kommt der 200-Seiten-Band eher wie ein Gebetbuch als wie ein für kurzweilige Unterhal­tung gedachter Lesestoff daher. Der Inhalt vermittelt dann tatsächlich zwar keine verklärte Larmoyanz oder weinerliche Nostalgie, aber doch meist tiefernste Lyrik, Prosa sowie literaturgeschichtliche und andere geschichtsrelevante Informationen, die dem Hinweis auf der Titelseite des Bandes voll und ganz gerecht werden „...gefährdete Literatur, geschriebene Worte zwischen Leben und Tod“.

Zwei Prosastücke von Dr. Franz Marschang (*1932) spannen einen Bogen über Zeit und Raum. Während der Schlusssatz aus „Protest“ den etwas verdutzten, auf eine Pointe gefassten Leser mit einem Suizidakt als letzte Konsequenz totalitärer Über­wachung konfrontiert, deutet ein „Herbst in Heidel­berg“ gerade an Allerheiligen, dem Tag der naturgemäßen Rückschau, in die Zukunft.

lngmar Brantsch (*1940), ein Fachmann auf dem Gebiet der Siebenbürger Literatur und selbst Schriftsteller, kann in seinem Essay „Ostdeutsches Dichterschicksal im Schatten des Totalitarismus: Georg Hoprich – ein tragisch Frühvollendeter– Vor 35 Jahren verhaftet“ auch nur mit einem er­schüttern­den Ende aufwarten. „Kurz nach seinem 30. Geburtstag hängte er sich auf dem Dachboden auf.“ Brantsch widmet sich dann in einem Aufsatz ungeschminkt dem siebenbürgisch-sächsischen Autor Paul Schus­ter, der am 5. Mai 2004 verstorben ist. Der war nicht nur ein literarisch hoch begabter, sondern auch ein streitbarer Zeitgenosse, und wer glaubt, dass verba­le Fernscharmützel zwischen Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki das Höchste aller literarischen Auseinandersetzungen im deutschen Literaturbetrieb der letzten Jahre wäre, der sieht sich hier schnell eines Besseren belehrt. Immerhin: „In den Zusammenstößen zwischen einzelnen Aktionsgrüpplern und Paul Schuster kam es sogar zu Handgreiflich­keiten, so dass auch Ohrfeigen flogen.“

Auf die Aktionsgruppe Banat ist lngmar Brantsch im Allgemeinen nicht gut zu sprechen. In einer Rezension des Buches „Die Zwänge der Erinnerung – Aufzeichnungen aus Rumänien“ lässt er an dem Verfasser William Totok, auch ein Mitglied die­ser Gruppe, kein gutes Haar und findet ihn „päpstlicher als den Papst“.

„Eins. Zwei, drei... fünf!“ Dieser Titel soll nicht auf die Anzahl der hier veröffentlichten Aufsätze von lngmar Brantsch hindeuten, sondern auf die fünfte deutsche Literatur, nämlich die rumäniendeutsche. Die scheint trotz aller Unkenrufe weiter zu leben, ja sogar zu prosperieren. Totgesagte leben eben länger. lngmar Brantschs Engagement für deutsche

Literatur in Ost- und Südosteuropa ist mittlerweile bekannt, daher kann man seinem Urteil ruhig trauen. Es klingt dann auch ziemlich ermutigend, wenn er meint, dass „eine ganze Reihe von mutter­sprachli­chen Rumänen /.../ im nichtdeutschsprachigen Raum ein hervorragendes Deutsch schreiben und damit die Minderheitenliteratur ihrer Heimat bereichern und über diese hinaus auch die gesamtdeutsche Literatur“.

Auch in seinem fünften Beitrag für diesen Band geht es lngmar Brantsch um die rumäniendeutsche Literatur. Er bemängelt das Fehlen einer repräsentativen Literaturzeitschrift und macht Gerhard Csejka für den sang- und klanglosen Untergang der „Neuen Literatur“ (Bukarest) verantwortlich. Mit der Anthologiereihe des Temeswarer Literaturkreises „Die Stafette“ wäre allerdings für eine gewisse Kontinuität gesorgt, bleibt Brantsch auch hier optimistisch.

Sind „die schwäbischen häuser“ (Lucian M. Vârşăndan, *1975) längst „abstrakt“(e) (Petra Curescu, *1983) „Geometrie“ (Henrike Brădiceanu-Persem, *1979) oder bleiben sie „Jenseits“ der „Zeit“ (Johanna Schneider, *1948) schlicht und einfach nur „Lyrik“ (Andreas Schulz), im schlimmsten Fall gar einem „Pompeji“-haften (Dieter Michelbach, *1968) Schicksal ausgeliefert? Das Gedicht mit Raum- und Zeitandeutungen, die uns Rumäniendeutschen doch so vertraut vorkommen, das aber keineswegs im Regio­nalen gefangen bleibt, lebt und die Jugend seiner Dichter verheißt ihm auch Zukunft.

Mit Horst Samson (*1954) begegnen wir hier einem Dichter, der längst auch in Deutschland seinen schriftstellerischen Weg gefunden hat. Es lohnt sich, bei www.horstsamson.de mal reinzuschauen. Die vorliegende Ausgabe des “Guttenbrunner Bo­ten“ wird von Samson mit sieben Gedichten, seiner Dankrede zur Verleihung des Adam Müller-Guttenbrunn-Literaturpreises, einem sehr aufschlussreichen Protokoll, zur Hausdurchsuchung und einem Interview mit dem “St. Galler Tagblatt“ (Schweiz) bereichert.

Auch Ernest Wichner (*1952) ist in Deutschland kein unbeschriebenes Blatt mehr. Er kommt ebenfalls aus jener berühmt-berüchtigten Aktionsgruppe Ba­nat, die laut Richard Wagner „eine Art antirumäniendeutsche Literatur“ schrieb. Die hier zu lesenden Gedichte entstammen dem zweisprachigen Lyrikband „Die Einzahl der Wolken. Singularul norilor“.

Dr. Hans Dama (*1944) wartet mit den „Schatten der Securitate“ auf. Der Autor entlarvt mit erzählerischen Mitteln eher die lächerliche Seite der Bespitzelungsmanien des rumänischen Geheimdienstes aus der kommunistischen Zeit.

Dann folgen wirklich traurige Gedichte. Harald Sigmund (*1930) hat seine meist in disziplinierte Sonettformen gegossene Verse in höchster geistiger und physischer Not verfasst. Er war von 1958 bis 1962 als Regimegegner in Rumänien eingekerkert.

Hans Linders (1930 - 2004) Gedichte hellen zum Teil des Lesers Gemüt wieder auf, auch wenn einem dabei in die „südöstliche Suppe“ gespuckt wird. Im Nachhinein amüsant, aber nur im Nachhinein!

Werner Kremm (*1951), auch ein Mitglied der verblichenen Aktionsgruppe, setzt sich mit der rumäniendeutschen Presse auseinander. Er meint, dass lediglich „fünf bis sechs Prozent der rund 60.000 heute noch in Rumänien lebenden Deutschen /.../ als Leser der deutschen Zeitung angesehen werden dürfen“. Man müsste versuchen, sich gezielt neue Leserkreise zu erschließen.

In einem sehr ausführlichen Aufsatz stellt Dr. Hans Gehl (*1939) uns Hans Weresch als „ein Vorbild und Wegbereiter der Banater Deutschen“ vor. Der 1902 in Deutschbentschek geborene und 1986 in Freiburg/Breisgau verstorbene Intellektuelle wird als Lehrer, Forscher und Kulturpolitiker porträtiert.

Dann gibt es wieder Literatur pur, und zwar von Kristiarie Kondrat (*1938). Da ist viel Augenzwinkerei in köstlich aufbereitete Prosa und Lyrik geflossen. Geschmackssache, klar; aber Sprachverliebte werden hier mit der Zunge schnalzen.

Michael Kroner (*1934) wagt den „Versuch einer Bestandsaufnahme und eines Überblicks“. Sein Forschungsgebiet bezieht sich auf „Politische Prozesse gegen Deutsche im kommunistischen Rumänien“. Der Historiker nimmt eine chronologische und, inhaltliche Klassifizierung dieser Prozesse vor und analysiert die jeweiligen Verfahren: Repressivmaßnahmen und Strafverfahren mit ausgesprochenem, antideutschem Charakter (1944 - 1948/49), Prozesse gegen den „Klassenfeind“, bürgerliche Politiker, Intellektuelle und Geistliche (1948 - 1952), Einschüchterungsprozesse gegen „konterrevolutionäre Verschwörungen“ (1958 - 1962) und Securitate- Terror in der Ceauşescu-Ära (1965 - 1989).

Dr. Hans-Werner Retterath (*1956) befasst sich mit den Aufgaben des Johannes-Künzig-Instituts für ostdeutsche Volkskunde in Freiburg im Breisgau und stellt dieses schon im Titel als Archiv- und For­schungsinstitut vor. Der Autor richtet auch eine Bitte an die Herausgeber und Verfasser von Heimatblättern und -büchern „Bitte senden Sie uns diese für unsere Bibliothek zu!“. Ein weiterer Aufruf geht an alle Angehörigen der Erlebnisgeneration und deren Nachkommen, bei Haushaltsauflösungen erhaltens­werte Materialien dem Archiv des Instituts zukommen zu lassen.

Dr. Hans GehI hat sich der Bedeutung und Deutung der donauschwäbischen Symbole ange­nommen. Er greift in seinem Aufsatz allerdings viel weiter aus, als der Titel vorgibt, so dass ein kulturhis­torischer Exkurs in die Vergangenheit und (ausgesiedelte) Gegenwart der Banater- und Donauschwaben aus dieser Arbeit wurde.

In einem weiteren Beitrag beschäftigt sich Dr. Gehl mit dem Werdegang des Temeswarer Germanistiklehrstuhls. Dass diese universitäre Einrichtung internationalen Standards entsprach und auch heute noch entspricht, zeigt vor allem die Tatsache, dass „Absolventen und nach Deutschland ausgesiedelte Lehrkräfte des Germanistiklehrstuhls sich dank ihres fachlichen Könnens, ihrer Erfahrungen und Fähigkeiten in der Wahlheimat im Berufsleben bewährt haben“.

Ein für eine wissenschaftliche Arbeit sehr leserfreundlicher, ja sogar mit einer spürbaren Dramaturgie angehauchter Aufsatz ist Adam Müller-Guttenbrunn gewidmet. Es handelt sich um den Text eines Vortrages, den Eva Marschang (*1930) im Jahre 2002 in Heidelberg gehalten hat. Nachdem man den spannenden Werdegang dieses “Schriftstellers, Theaterdirektors und unbestechlichen Volkstumspolitikers der Donauschwaben in widriger Zeit“ gelesen hat, kann man verstehen, warum dieser Mann als kulturelle Leitfigur einer deutschen Minderheit in Südosteuropa gilt. Dazu sollte man vielleicht auch immer die Tatsache im Auge behalten, dass Adam Müller-Guttenbrunn weit entfernt von den Banater Gefilden wirkte.

Stefan Heinz-Kehrer (*1913) schildert den Weg „vom Roman zum Bühnenstück“, den seine Dramatisierung „Meister Jakob und seine Kinder“ zurückgelegt hat. Man erfährt dabei auch einiges über den gängigen Literaturbetrieb im Rumänien der 70-er Jahre.

Radegunde Täuber (*1940) zeichnet für den letzten Beitrag in dieser Nummer des “Guttenbrunner Boten“. Sie rollt noch einmal die Geschehnisse um die Schauprozesse im kommunistischen Rumänien auf. Die Autorin legt eine sehr sachlich verfasste, gut recherchierte Arbeit vor, obwohl man ihr eine betont subjektive Einschätzung der damaligen Geschehnisse gar nicht übel nehmen könnte, behandelt sie hier doch den Nachlass ihres Vaters, des Lehrers Nikolaus Schmidt. Er war einer der Angeklagten im Dr. Reb-Prozess.

Dieser “Guttenbrunner Bote“ vereint Arbeiten von Autoren aus Rumänien, Deutschland und Österreich. Schon darum bleibt zu hoffen, dass es dem Herausgeber und seinen Mitarbeitern doch noch gelingt, die Zeitschrift in angemessener Zahl unter die Leute zu bringen; auch wenn das vorliegende Exemplar weder ISBN-Nummer noch Bestelladresse hat.

Mark Jahr